Impuls für den Tag – 15.04.2020 – Die Zündschnur brennt – Anfang der Herrlichkeit

Impuls für den Tag – 15.04.2020 – Die Zündschnur brennt – Anfang der Herrlichkeit

Liebe Gemeinde,

wenn man sich etwas näher mit Theologie beschäftigt, merkt man schnell, dass es im Laufe der Geschichte ein paar theologische „Allround-Talente“ gab, die zu vielen Themen sehr fruchtbare denkerische Ansätze liefern konnten. Thomas von Aquin gehört z.B. dazu und in der nicht allzu fernen Vergangenheit sicherlich der Jesuit Karl Rahner (+1984). Er war Professor für systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Dogmatik und Dogmengeschichte in Innsbruck, München und Münster und gilt als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Er wirkte bahnbrechend für eine Öffnung der katholischen Theologie für das Denken des 20. Jahrhunderts und nahm mit seiner Theologie Einfluss auf das Zweite Vatikanische Konzil, an dessen Vorbereitung und Durchführung er als Sachverständiger mitarbeitete.

Für den heutigen Impuls habe ich für Sie einige seiner Gedanken zu Ostern zusammengestellt. Besonders eindrucksvoll finde ich das sprachliche Bild, das er für die Beschreibung von Ostern gebraucht, das kein vergangenes Ereignis ist, sondern die Gegenwart: Die Zündschnur. Sie wurde in der Vergangenheit angezündet, brennt im Jetzt und verändert die Zukunft. Im Fall von Ostern bedeutet das: Ostern ist nicht nach der Osteroktav, in der wir uns jetzt befinden, und auch nicht an Pfingsten vorbei. Ostern ist ein laufender Prozess, der seinen Höhepunkt in der Gemeinschaft mit Gott hat, auf die das ganze Menschsein wie auf einen Fluchtpunkt hin zuläuft.

Vielleicht sind auch für Sie ein paar Gedanken dieses großen Theologen brauchbar, um sich dem Ostergeheimnis einmal von einer anderen Seite zu nähern und herauszufinden, was das konkret für Ihr Leben bedeuten könnte.

Ihre Magdalena Kiess

Partoralassistentin

„Wenn jemand die Zündschnur für eine ungeheure Explosion schon angezündet hat, aber noch auf die Explosion, die mit unheimlicher Sicherheit eintreten wird, wartet, dann sagt ein solcher gewiss nicht, das Anzünden der Zündschnur sei ein Ereignis der Vergangenheit. Der Anfang eines Ereignisses, das noch in seiner Entwicklung begriffen ist, aber unerbittlich und unwiderstehlich seinem Höhepunkt zusteuert, ist nicht Vergangenheit, sondern eine Gegenwart, die sogar schon ihre Zukunft in sich selber trägt, ist eine Bewegung, die sich bewahrt, indem sie die Vergangenheit und die Gegenwart in einer gegenwärtigen, „wirklichen“ Einheit zusammenfasst. Das müsste uns begrifflich klar sein, wenn wir überhaupt darangehen wollen, etwas Sinnvolles über die Auferstehung des Herrn zu sagen.

Ostern ist keine Feier eines vergangenen Ereignisses. Das Alleluja gilt nicht dem, was war, Ostern proklamiert einen Anfang, der schon über die fernste Zukunft entschieden hat. Auferstehung sagt: Der Anfang der Herrlichkeit hat schon begonnen. Und was so begonnen hat, ist daran, sich zu vollenden! […]

Wir Christen sagen, dass die ganze Natur- und Menschheitsgeschichte einen Sinn hat, einen seligen und verklärten Sinn, einen alles umfassenden Sinn, der nicht mehr gemischt ist mit Unsinn und Finsternis, sondern die unendliche, alle Möglichkeit und Herrlichkeit in einem umfassende Wirklichkeit und Einheit ist, die wir – indem wir so nach dem absoluten Sinn rufen – Gott nennen.

Er ist, so wie er in sich selbst ist, der Endpunkt der Geschichte überhaupt. Er ist selbst am Kommen. Zu ihm fließen alle Wasser unseres Wandels hin; sie versinken nicht in der Bodenlosigkeit des Nichts und der Sinnlosigkeit.

Aber wenn wir dies sagen, […] dann reden wir nicht bloß von einem fernen Ideal, von dem wir als noch gänzlich unverwirklichtem vage hoffen, es möge einmal eintreten, das aber vorläufig und für unabsehbare Zeit noch fern, nur eine gedachte Zukunft wäre. Nein, wir sagen „Ostern“, Auferstehung. Und das heißt: Es hat schon begonnen, die endgültige Zukunft hat schon angefangen. […] Es hat alles schon wirklich begonnen, gut zu werden. Es ist noch ungefähr alles unterwegs. Aber unterwegs zu einem Ziel, das nicht ein utopisches Ideal, sondern eine schon daseiende Wirklichkeit ist.

Der Mensch gibt gern halbe Antworten. Er flüchtet sich dort hin, wo man nicht eindeutig entscheiden muss. Das ist erklärlich: Wir sind unterwegs, also in einer Verfassung, wo alles – Sinn und Unsinn, Tod und Leben – noch durcheinandergemischt ist, alles unfertig und halb ist. Aber so kann es nicht bleiben. Es geht weiter. Und das Ende kann nicht anders sein als die deutliche Eindeutigkeit. […] Wenn wir glaubend und handelnd uns eindeutig entscheiden zum Sinn und Leben, […] wenn wir Leben und Sinn als Tatsache ganz und nicht halb, in maßloser Größe und Weite bejahen, dann haben wir (ob wir es wissen oder nicht) Ostern gesagt.“

Quelle: Rahner, Karl, Sämtliche Werke, Bd. 14: Christliches Leben. Aufsätze – Betrachtungen – Predigten. Freiburg 2006, 173-175.

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