Die Sommerzeit lädt oft dazu ein, den dicken Roman aus dem Regal zu holen, der seit Weihnachten dort wartet, und stundenlangem in seine Lektüre zu versinken. In diesem uns so vertrauten Genre lässt der Autor seinen Leser häufig mit wortreichen Dialogen und seitenlangen Beschreibungen in die Gefühlswelt seiner Figuren und die Details einer Szene eintauchen.
Die Geschichten in der Bibel sind anders, denn in den allermeisten Fällen bestehen sie nur aus knappen Erzählungen, in denen nur das nötigste, für die Heilsgeschichte Relevante,berichtet wird. In der knappen Erzählweise der Heiligen Schrift steckt somit hinter jedem Wort ein reicherDeutungshorizont.
An diesem Freitag gedenkt die Kirche des Hl. Ignatius, dem Gründer der Gesellschaft Jesu, der hauptsächlich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt hat. In seinem berühmten Exerzitienbuch lenkt er den Blick des Exerzitanten in derSchriftbetrachtung, damit dieser die biblischen Szenen ausmalen und nachvollziehen kann.
Er beginnt mit der Schauplatzbereitung, die ein Erkunden der Szene mit allen fünf Sinnen ist. Wie sieht es aus, in der Nähe und in der Ferne? Wie riecht es? Ist es morgens und es riecht nach Tau oder knirscht der trockene Sand in der Mittagshitze unter den Sohlen? Was denkt und bewegt jeden einzelnen der Teilnehmer der Szene – vom Hauptakteur bis hin zum unscheinbarsten Nebendarsteller? Ausgehend von scheinbarunbedeutenden Hinweisen in der Erzählung, ist es jedes Detail wert, ausgefaltet zu werden.
Ist das Bühnenbild dann auf diese Weise gemalt, wird jede Szene lebendig und das Verweilen in ihr einfacher geistlich fruchtbar. Gemäß dem Heiligen Ignatius zahlt sich die hierbei aufgewendete Zeit in der Betrachtung aus.
Ihr Eduard Rauer,
Diakon
Titelbild: Peter Paul Rubens: Hl. Ignatius von Loyola (ca. 1620-1622). Quelle: Wikimedia commons
