Bengalos, Bekenntnis, Barmherzigkeit – Wenn der Fußball Frieden übt – von Christoph Molter in der neuen Pastorale

Bengalos, Bekenntnis, Barmherzigkeit – Wenn der Fußball Frieden übt – von Christoph Molter in der neuen Pastorale

Bengalos, Bekenntnis, Barmherzigkeit – Wenn Fußball Frieden übt

Wer über Fußballfans schreibt (und erst recht über die des FCU) hat die Klischees schnell beisammen: zu laut, zu wild, zu viel Bier, zu viel Pyro, zu wenig Regelkunde. Und wenn dann noch das Wort „Ultras“ fällt, schalten manche innerlich sofort von Mitmenschen auf Gefahrenabwehr. Und ja: Wo Menschen in Massen auftreten, gibt es Reibung, Grenzüberschreitung und auch Dinge, die man weder romantisieren noch heiligsprechen braucht. Bengalos sind keine Weihnachtskerzen (aber sehr, sehr lässig!), und übles Beleidigen der Gästemannschaft und der mitgereisten Fans (eine meiner nicht vorzeigbaren Stärken) werden auch nicht unbedingt besser, wenn man das Fankultur nennt.

Nur: Wer es sich damit zu leicht macht, schaut auf den Rauch und übersieht das Feuer. Denn rund um den 1. FC Union zeigt sich seit Jahrzehnten, dass ein Fußballverein und sein Umfeld eben nicht nur aus Tabellenplatz, Transfergerücht um den neuen Trainer (Urs Fischer 2.0!!!) und die Diskussion um den Fußballkultur zerstörenden Videobeweis bestehen. Die Stiftung „UNION VEREINT. Schulter an Schulter“ bündelt dabei das soziale Engagement des Vereins. Sie fördert Jugend, unterstützt Menschen in Not, arbeitet zu Integration, Toleranz, Bildung, gesundheitlicher Aufklärung und Umweltfragen. Das klingt erst einmal ordentlich und sauber formuliert. In der Praxis heißt es aber vor allem: anpacken statt ansagen.

Da werden unter dem Motto „Winter, mollig warm!“ warme Jacken, Schlafsäcke, Zelte und Hygieneartikel für Obdachlose und Bedürftige gesammelt. Da gibt es rund um das Fanhaus mit „EISERN statt EINSAM!“ eine Form der Nachbarschaftshilfe, die den Namen verdient. Dort findet auch die Lebensmittelausgabe von „Laib und Seele“ für einkommensschwache Menschen statt. Und weil Hilfe manchmal erstaunlich unspektakulär daherkommt, wird sogar Schrott gesammelt, damit am Ende Geld für soziale Projekte zusammenkommt. Das ist die schöne Wahrheit vom Kiez: Manchmal beginnt Barmherzigkeit zwischen Altmetall, Thermoskanne und einem kurzen „Tach jesagt, allet jut?“.

Besonders stark ist auch das Beispiel Türöffner e.V. Der Verein ist im St. Josef- und Union-Umfeld entstanden und hilft seit Jahren dabei, Menschen in Praktika, Ausbildung und Arbeit zu bringen. Zunächst vor allem für Geflüchtete gedacht, inzwischen breiter auch für andere Menschen mit Unterstützungsbedarf aufgestellt. Dahinter steckt kein Instagram-Pathos, sondern konkrete Friedensarbeit: Wer im Leben Anschluss findet — in der Arbeit, unter Menschen, im Miteinander — der steht nicht mehr vor der Tür, sondern sitzt schon mit am Tisch. Frieden wird zwar gern auf den großen Bühnen der Welt verhandelt, doch die aktuelle Weltpolitik macht deutlich, wie brüchig solche Gipfelformeln sein können und wie oft es um Tarnen, Täuschen und schlechte Show geht. Echter Frieden beginnt viel kleiner: in einer offenen Tür, in einem bereitgestellten Stuhl, in einem Menschen, der sagt: Komm rein.

Auch die Satzung des 1. FC Union Berlin ist bemerkenswert nüchtern und gerade deshalb hilfreich. Der Verein ist selbstverständlich da, um Sport zu pflegen und zu fördern. Übersetzt für Normalsterbliche: Er soll Fußball möglich machen und am liebsten auch erfolgreichen. Zugleich verpflichtet sich der Verein demokratischen und humanistischen Grundwerten, verurteilt jede Form von Gewalt und Diskriminierung und will ein gleichberechtigtes Miteinander fördern. So steht es nüchtern in der Satzung und ist doch mehr als juristische Tapete. Das ist eine Ansage. Und zwar eine, an der sich Funktionäre und die Kurve messen lassen müssen.

 

Dazu passt auch, dass Union gerade an anderer Stelle erfreulich sachlich und unaufgeregt, zugleich von außen betrachtet revolutionär vorangeht. Mit Marie-Louise Eta stand in diesem Frühjahr bei Union erstmals eine Frau als Cheftrainerin an der Seitenlinie eines Männer-Bundesligisten. Interimistisch, ja, weil es einen klaren Fahrplan für die nächste Saison mit ihr und einen entsprechenden Vertrag bereits gibt. Aber deshalb nicht weniger bemerkenswert. Fast noch interessanter ist, dass dies in unserem Heimatbezirk Köpenick nicht wie ein Fremdkörper wirkt, sondern eher wie die nächste folgerichtige Verrücktheit eines Vereins, der manchmal früher merkt als andere, dass Fußball kein Herrenabend auf Lebenszeit sein muss. Parallel dazu schafft Union für den Frauenfußball Bedingungen, die im deutschen Profifußball bislang ihresgleichen suchen. Männer und Frauen sollen im neuen Trainingszentrum unter einem Dach und auf denselben Plätzen arbeiten, mit derselben professionellen Infrastruktur. Gibt es so woanders (noch) nicht. Und als hätten die Frauen sagen wollen: Danke, nehmen wir, stellten sie in der gerade beendeten Bundesliga-Saison auch noch den Zuschauerrekord auf. Logo: Es geht am Ende auch hier um Punkte, Profit und Prestige. Aber immerhin mit klugem Management und Weitblick. Mindestens sekundär ist auch das Friedensarbeit im weiteren Sinne. Teilhabe wird nicht als freundliche Zugabe organisiert, sondern als selbstverständlicher Platz am Spielfeldrand, auf dem Trainingsplatz und im Stadion. Egal, ob Frauen- oder Männerteam.

 

Doch blicken wir noch einmal zurück zum Thema Fans als Unruhestifter, Unbequeme, Unangepasste. Lohnt es sich vielleicht, die übliche Frage einmal umzudrehen. Nicht: Sind Fans manchmal laut, unerquicklich und grenzwertig? Sondern: Entsteht gesellschaftlicher Frieden nur dort, wo alles geschniegelt, überwacht und konfliktfrei aussieht? Oder vielleicht auch dort, wo Menschen sich selbst organisieren, Verantwortung übernehmen und aus eigenem Antrieb Solidarität leben? Die Kurve ist kein Kloster, schon klar. Aber sie ist eben auch nicht bloß Krawallkulisse. Sie ist ein Ort, an dem Bindung entsteht, Rituale tragen und Leute füreinander einstehen. Manchmal besser, als die gut temperierte Mitte der Gesellschaft das wahrhaben will. Und vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck der Innenministerkonferenzen. Sie tun oft so, als ließen sich Ultras vor allem mit Ordnungspolitik, Strafandrohung und Misstrauen erklären. Doch trifft das die Wirklichkeit? Viele Fans organisieren sich mit bemerkenswerter Eigenverantwortung, mit klaren Regeln und mit sozialem Gespür. Der Staat muss nicht alles vorgeben, nicht alles absichern und nicht jeden Raum von oben durchregieren.

Und dann sind da noch die Stehplätze in der Alten Försterei. Sie machen das Stadion in Deutschlands Profifußball einzigartig. Hoffentlich auch nach dem Stadionumbau. Hier ist einer der wenigen Orte, an denen die üblichen Blasen des Alltags nicht so gut funktionieren. Da steht der Akademiker neben dem Arbeitsuchenden, die Studentin neben dem Rentner, der Handwerker neben der Ärztin, und alle wissen erstaunlich genau, wann der Schiedsrichter Tomaten auf den Augen hat und Grütze pfeift. Das ist sicher nicht das Himmelreich auf Erden. Aber es ist ein ziemlich brauchbares Gegenmodell zu einer Gesellschaft, in der sich viele nur noch unter ihresgleichen wohlfühlen. Vielleicht hat der liebe Gott für den Frieden mehr Orte im Sinn als Kirchenbänke allein. Manchmal eben auch harte Betonstufen im schönsten Stadion der Welt.

Wer Frieden nur mit Ruhe verwechselt, wird mit Fußball wenig anfangen können. Wer Frieden aber als gelebtes Miteinander versteht, als Zusammenhalt trotz Unterschiedlichkeit, als tätige Solidarität statt bloßer Gesinnung, der kann im Umfeld des 1. FC Union Berlin einiges lernen. Erstaunlich viel ist vorzeigbar. Und vielleicht liegt genau darin die Wahrheit: Dass ausgerechnet dort, wo von außen erst einmal Lärm und Chaos vermutet wird, im Inneren oft ziemlich viel Menschlichkeit wohnt. Eisern eben – und im besten Sinne türöffnend und Schulter an Schulter.

Christoph Molter

20260521_Union_Artikel_Molter_Christoph-2

Mehr unter: https://www.katholisch-in-treptow-koepenick.de/images/Pastorale-7-8-2026.pdf

 

 

Menü schließen