„Entwaffnet die Sprache!“ – Zur ersten Enzyklika Papst Leo XIV. – von Claus Crone

„Entwaffnet die Sprache!“ – Zur ersten Enzyklika Papst Leo XIV. – von Claus Crone

„Entwaffnet die Sprache!“                                                        Zur ersten Enzyklika Papst Leo XIV.

Leo XIV. hat mit seiner ersten Enzyklika den Nerv unserer Zeit getroffen. Das Schreiben, das sein Regierungsprogramm darstellt, hat nicht nur die neuesten Dinge, nämlich die technische Revolution der  „künstlichen Intelligenz“ zum zentralen Thema gemacht, sondern mit seinem Zugriff aus der Tradition der katholischen Soziallehre heraus auch klare Weichenstellungen für ein  auf Frieden ausgerichtetes Handeln der Menschheit entworfen. Anders als seine Vorgänger adressiert der Papst deshalb sein Schreiben nicht allein an die Kirche, sondern spricht die ganze Menschheit an.

Dieser Menschheit billigt er eine Großartigkeit („Magnifica Humanitas“) zu, die in der Religion ja zu aller- erst Gott selbst zugeschrieben wird. Durch seinen freiwilligen Perspektivwechsel zum Menschsein in Jesus Christus, dem Kind in der Krippe, hat Gott dem Menschen diese Großartigkeit geschenkt und uns damit zu einem Blick befähigt, der zum wirklichen Frieden führen kann.

Der Papst sieht in der Gegenwart starke Kräfte am Werk, die den „Turmbau zu Babel“ erneuern, und das gleich mehrfach. Diese Kultur der Macht normalisiere den Krieg und predige mit „bewaffneten Worten“,  die alle Menschen, die anders sind, demütige und herabwürdige.  Eine Haltung, die die Welt in ein Schema von „wir“ – und „ihr“ einordnet und Selbstsucht in den Mittelpunkt stellt, verbreitet so schreiend den Hass. Als „Lackmustest“ für eine andere am Beispiel des  Nehemia orientierte Kultur des friedvollen Aufbaus sieht Leo den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen, mit den Opfern politischer und wirtschaftlicher Machverhältnisse. „Die Weise, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgeht, zeigt, ob ihr Gerechtigkeitsbegriff von Angst oder von Geschwisterlichkeit geleitet ist.“ (Artikel 81). Der Papst erwartet, dass ein  Wechsel der Perspektive, ein Blick auf die Verhältnisse aus der Sicht der Opfer, für unsere Gesellschaft gut ist. Er ist überzeugt, dass die „Entwaffnung der Sprache“ den Weg frei macht für echten Dialog und Diplomatie, die Kriege wirklich beenden kann. Leo macht deutlich, dass ein gemeinsames Suchen und Ringen, bei dem jeder seine Befähigungen, aber auch seine besonderen Bedürfnisse miteinbringen kann,  eher zum Frieden führt als eine von oben übergestülpte Zwangsordnung.

Das  „Schreien und Hassen“ der Baumeister von Babel soll ersetzt werden durch das „Beten und Hoffen“ der Mitstreiter Nehemias. Der angebliche Realismus, der nur die Machtverhältnisse anerkennt und Macht vor Recht setzt, wird dann durch einen echten Realismus überwunden, in dem alle Menschen mit ihrer Würde zu Wort kommen. Solidarität und Gerechtigkeit sind Voraussetzungen für wirklichen Frieden.

Der Papst macht auch deutlich, dass die moderne KI-Technik nicht einfach wertneutral ist, sondern durch ihre Schöpfer geprägt wird. Dabei ist für ihn ein Trans- oder Posthumanismus, der vorgibt, die Begrenztheit des Menschen aufheben zu können, eine gefährliche Babel-Versuchung. Dem stellt Leo einen christlichen Humanismus gegenüber, der die Unvollkommenheit des Menschen respektiert. Nur so kann auch im neuen technischen Fortschritt das Menschliche bewahrt werden. Dies erfordert aber ein Ringen um die Wahrheit, um nicht in „fake news“ unterzugehen. Der Papst ruft die Mächtigen der Welt auf, die Würde der Arbeit zu respektieren und Menschen nicht zu Maschinen zu degradieren. Dann kann die Freiheit des Abbildes Gottes gewahrt und eine neue Sklaverei verhindert werden.

Leos Lehrschreiben von der „Magnifica Humanitas“ gipfelt im Gesang der Maria, dem „Magnificat“, in dem Maria die größere Gerechtigkeit Gottes besingt. Es ist meiner Meinung nach auch kein Zufall, dass der US-Amerikaner auf dem Papstthron damit der Buchstabenfolge MAG(A) eine andere Bedeutung gibt: Groß(artig) ist für Leo der Mensch nämlich gerade da, wo er den Weg Gottes zum Kleinsten und Schwächsten geht.

Markant ist auch, dass Leo diese Grundsätze auch in der Kirche einfordert: Gemeinwohlorientierung, Subsidiaritätsprinzip, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, insbesondere die Achtung der Menschen-würde sollen auch in der Kirche gelten. Kirche muss so eine Lernende bleiben und auf Dialog, nicht auf Machtworte setzen. ( Artikel 86-89) Und: In der internationalen Diplomatie muss sich  die Kirche „zu einer Stimme für die Armen, die Migranten und die Kriegsopfer“ machen. (Artikel 227)

Claus Crone, Diakon i.R. (Pfarreimitglied)

(Artikel aus der aktuellen Pastorale:https://www.katholisch-in-treptow-koepenick.de/images/Pastorale-7-8-2026.pdf

 

Beitragsbild: Edgar Beltrán, The Pillar (bearb. v. Christian Schmitt) / cc-by-sa 4.0 / Quelle: Wikimedia Commons

 

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